Pflege 2026: Was tut sich? Interview mit Siegfried Huhn
Pflegeexperte Siegfried Huhn
Siegfried Huhn zählt zu den prägenden Stimmen für Pflegequalität und Patientensicherheit im deutschsprachigen Raum. Er ist Kaufmann, Gesundheits- und Krankenpfleger, Gesundheitswissenschaftler und Sozialmanager. Seit 1988 arbeitet er freiberuflich in der Pflegeberatung, Fortbildung und Qualitätsentwicklung mit den Schwerpunkten gerontologische Pflege und betriebliche Gesundheitsfürsorge. Zudem ist er aktives Mitglied in der Expertengruppe zur Entwicklung nationaler Expertenstandards.
Für seine herausragende Arbeit und sein langjähriges Engagement in der Pflege wurde Siegfried Huhn 2020 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Seine Erkenntnisse veröffentlicht er regelmäßig in Fachzeitschriften und Büchern.
Seit vielen Jahren ist Siegfried Huhn als Referent und fachlicher Impulsgeber eng mit Pflegecampus verbunden: In mehr als 30 Videokursen und zahlreichen Live-Webinaren teilt er sein Wissen und erreicht damit Zehntausende Pflegekräfte.
Im Gespräch mit Pflegecampus reflektiert Siegfried Huhn, was professionelle Pflegequalität heute ausmacht, welche neuen Rollen und Aufgaben entstehen, welche Chancen die Digitalisierung bietet und welche Weichen für die Branche 2026 gestellt werden.
„Wir haben in Deutschland exzellente Pflege – sie wird nur viel zu selten sichtbar.“
Pflegecampus:
Herr Huhn, in Ihrem Ausblick auf 2025 hatten Sie empfohlen, Gesprächsrunden mit dem Positiven zu beginnen. Lassen Sie uns ebenso einsteigen: Wenn Sie auf das vergangene Jahr zurückblicken – was ist Ihnen in der Pflegewelt besonders positiv aufgefallen?
Siegfried Huhn:
Ein Highlight war für mich die Leistung unserer Pflege-Nationalmannschaft bei den EuroSkills (Anmerkung der Redaktion: die EuroSkills sind Europas größte Meisterschaft der Berufe für junge Fachkräfte unter 25 Jahren): Die deutsche Teilnehmerin hat die Goldmedaille gewonnen. Das zeigt beispielhaft, welches Niveau Pflegefachpersonen in Deutschland erreichen – fachlich stark, hochmotiviert, professionell.
Und das sehe ich nicht nur bei Wettbewerben: Ich erlebe in vielen Einrichtungen Teams, die mit großem Engagement arbeiten, kluge Lösungen finden und Qualität tatsächlich leben. Auch viele Auszubildende starten mit einer bemerkenswerten Lernbereitschaft in den Beruf. Diese positiven Entwicklungen gehen im Alltag oft unter, dabei prägen sie die Zukunft der Pflege ganz entscheidend.
„Zwischen Wissenschaft und Versorgung braucht es mehr Brücken.“
Pflegecampus:
Wo sehen Sie dagegen weiterhin Luft nach oben?
Siegfried Huhn:
Zwischen Versorgungspraxis und wissenschaftlich fundierter Pflege besteht noch Potenzial für mehr Austausch. Beide Seiten arbeiten häufig zu wenig miteinander. Oft ist gar nicht bewusst, wie stark Forschung unseren Pflegealltag bereits prägt, etwa bei neuen Aufgaben, Standards oder im Umgang mit Risiken.
Hier brauchen wir mehr Austausch und mehr Verständlichkeit: Welche Erkenntnisse helfen uns konkret im Alltag? Und wie vermitteln wir das im Team? Wenn uns das gelingt, wird Pflege spürbar professioneller und gleichzeitig entlastet.
QPR ambulant 2026 – „Die Prüfung ist anders aufgebaut, aber ihre Grundidee bleibt gleich.“
Pflegecampus:
Die neue QPR ambulant sorgt aktuell für viel Aufmerksamkeit – wir erleben einen großen Zulauf zu unseren Vorbereitungs-Webinaren. Was verändert sich wirklich?
Siegfried Huhn:
Tatsächlich weniger, als viele denken. Die Struktur der Prüfung verändert sich, und der Blick auf Ergebnisqualität wird deutlicher – aber das Grundprinzip bleibt: Es geht darum zu erkennen, ob Pflege wirksam ist und fachlich begründet umgesetzt wird. Vieles, was jetzt diskutiert wird, ist in der Sache nicht komplett neu – nur wird es künftig sichtbarer eingefordert.
Neu ist vor allem, dass Pflegekräfte ihre Entscheidungen noch klarer erläutern sollen. Das ist für viele ungewohnt, aber gut trainierbar und eine Chance, vorhandene fachliche Kompetenz und Professionalität sichtbar zu machen. Im Kern geht es darum, im Gespräch plausibel sagen zu können, warum man diese Maßnahme wählt und nicht eine andere.
„Fachlich begründete Pflege stärkt Professionalität.“
Pflegecampus:
Sie sprechen oft darüber, dass Pflege in Deutschland sehr emotional dargestellt wird. Warum sehen Sie das kritisch?
Siegfried Huhn:
Pflege ist eine anspruchsvolle Humandienstleistung und gerade deshalb braucht sie beides: Empathie ebenso wie fachlich begründetes, reflektiertes Handeln. In der öffentlichen Wahrnehmung wird Pflege häufig sehr emotional dargestellt; im internationalen Vergleich treten andere Länder deutlich sachlicher auf.
Dabei zeigt sich gerade in der Praxis, wie wichtig es ist, pflegerische Entscheidungen nachvollziehbar zu erklären und fachlich zu begründen. Das stärkt nicht nur die eigene Professionalität, sondern auch das Selbstbewusstsein im Team und gegenüber Prüforganen. Qualität in der Pflege entsteht aus Wissen, Reflexion und klugen Entscheidungen – nicht allein aus emotionalen Bildern.
„Assistenzkräfte entlasten – Pflegefachkräfte führen an und planen.“
Pflegecampus:
Mit dem PeBeM und neuen Assistenzrollen verändert sich viel. Was bedeutet das für Teams?
Siegfried Huhn:
Ich halte es für absolut richtig, dass nicht jede Aufgabe zwingend eine dreijährig ausgebildete Pflegefachkraft braucht. Assistenzkräfte können Teams spürbar entlasten – insbesondere dann, wenn klar geregelt ist, wer welche Aufgaben übernimmt und welche Verantwortung im Pflegeteam damit verbunden ist.
Gleichzeitig eröffnet das neue Befugniserweiterungsgesetz eine Chance: Pflegefachpersonen sollen künftig bestimmte ärztliche Tätigkeiten eigenständig übernehmen können. Das stärkt die Profession, setzt aber auch voraus, dass wir Kompetenzen weiterentwickeln.
Wichtig ist, dass Pflegefachkräfte diese erweiterten Aufgaben sicher ausfüllen können. Das gelingt nur mit strukturiertem Wissen, einer guten Anleitungspraxis und der Fähigkeit, Entscheidungen fachlich zu begründen. Die Vorbehaltsaufgaben bleiben dabei zentral – planen, anleiten, Qualität sichern.
„Integration gelingt nur, wenn wir realistische Erwartungen haben.“
Pflegecampus:
Sie haben viel Erfahrung mit internationalen Teams. Was ist aus Ihrer Sicht entscheidend für eine gute Integration?
Siegfried Huhn:
Wir werden die Pflege ohne Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland nicht bewältigen können. Und das ist keine Schwäche, sondern eine Chance – wenn wir Integration in den Pflegealltag realistisch gestalten. Neue Mitarbeitende brauchen Zeit, Orientierung und klare Teamstrukturen. Entscheidend ist die Zusammenarbeit im Alltag.
Sprache spielt dabei eine Rolle, aber sie ist nicht der einzige oder wichtigste Faktor. Viele Menschen lernen am schnellsten, wenn sie gemeinsam arbeiten, beobachten und mitgehen. Pflege ist ein praktischer Beruf – man versteht viel, indem man sieht, wie etwas gemacht wird, und es dann selbst ausprobiert.
Wichtig ist mir: Sprache ist ein Faktor, sollte aber nicht alle anderen Aspekte gelingender Integration überdecken. Wenn Erwartungen unrealistisch hoch angesetzt werden, wird Integration unnötig schwer. Besser ist ein Teamansatz, der Sicherheit gibt und Entwicklung ermöglicht.
„Neue Mitarbeitende brauchen Orientierung – Onboarding ist Zukunftsthema.“
Pflegecampus:
Worauf sollten Einrichtungen 2026 besonders achten?
Siegfried Huhn:
Onboarding wird ein zentrales Thema bleiben. Neue Mitarbeitende brauchen Struktur, verlässliche Begleitung und klare Ansprechpersonen. Gleichzeitig müssen Teams stärker miteinander ins Gespräch kommen: Wer übernimmt welche Aufgaben? Wie begründen wir fachliche Entscheidungen? Und wie stellen wir sicher, dass wir ein gemeinsames Verständnis von guter Pflege entwickeln und im Alltag tragen?
„Pflegequalität entsteht dort, wo Wissen geteilt wird.“
Pflegecampus:
Welche Rolle spielen Fortbildungen – gerade vor dem Hintergrund der Digitalisierung?
Siegfried Huhn:
Eine sehr große. Fortbildungen in der Pflege geben Orientierung, schaffen ein gemeinsames Verständnis im Team und stärken die Fähigkeit, Entscheidungen fachlich zu begründen. Digitale Formate sind flexibel, gut zugänglich und ermöglichen es, Wissen im eigenen Tempo aufzubauen oder aufzufrischen.
Die Angebote auf Pflegecampus sind dafür ein gutes Beispiel – niederschwellig, professionell produziert und schnell verfügbar. Ideal ist die Kombination aus asynchronen Videokursen und synchronen Formaten wie Webinaren: erst der strukturierte Einstieg, dann Vertiefung, Austausch und Übung. So entsteht ein Lerneffekt, der im Alltag wirklich wirkt.
„Pflege braucht ein stärkeres berufliches Selbstverständnis.“
Pflegecampus:
Wie erleben Sie das berufliche Selbstverständnis der Pflege derzeit?
Siegfried Huhn:
Viele Pflegekräfte arbeiten sehr kompetent, treffen gute Entscheidungen und tragen enorme Verantwortung, doch diese fachliche Leistung wird im Alltag noch zu selten sichtbar gemacht. Vieles geschieht still und selbstverständlich, ohne dass die dahinterliegende Fachlichkeit sichtbar wird.
Dabei zeigt sich Qualität oft in kleinen, aber entscheidenden Dingen – etwa darin, ob Maßnahmen nachvollziehbar und einheitlich umgesetzt werden.
Pflege wurde lange vor allem über Haltung und Emotion beschrieben. Das gehört dazu, reicht aber nicht aus. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Pflegekräfte ihr Wissen stärker benennen und damit sichtbarer machen, wie anspruchsvoll ihre Arbeit ist.
„Pflege ist ein Beruf, auf den man stolz sein kann.“
Pflegecampus:
Wenn Sie Pflegekräften etwas für 2026 mitgeben würden – was wäre das?
Siegfried Huhn:
Pflege ist anspruchsvoll, manchmal anstrengend und oft herausfordernd – aber sie ist ein Beruf, auf den man stolz sein kann. Viele leisten Tag für Tag Hervorragendes, oft ohne große Aufmerksamkeit.
Wenn es gelingt, das eigene Können selbstbewusster zu zeigen und als Team ein gemeinsames Verständnis guter Pflege zu leben, stärkt das nicht nur den Beruf, sondern auch jeden Einzelnen im Alltag.
Pflegecampus:
Herr Huhn, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für 2026
Siegfried Huhn:
Gerne. Ihnen und der gesamten Firma ebenfalls.
Siegfried Huhn im Video: Pflege 2025: Highlights, Entwicklungen und Ausblick auf 2026